Die Top 7 Missverständnisse zur Work-Life Balance

Alle reden davon, doch kaum jemandem gelingt es einen für sich zufriedenstellenden Umgang mit der eigenen Work-Life Balance zu finden. Liegt dies daran, dass die perfekte Balance ein Mythos ist, dass Arbeitnehmer und -geber unterschiedliche Ideen und Vorstellungen zur Ausgestaltung des Konzeptes haben, oder ist am Ende doch die unaufhaltsame und stetige soziale Beschleunigung unserer Lebens- und Arbeitswelten schuld daran, dass der Balanceakt ein schwieriger ist? Um den Antworten auf diese Fragen näher zu kommen und um auszuleuchten worauf es bei einer zufriedenstellenden Work-Life Balance wirklich ankommt, soll in diesem Beitrag mit 7 der größten Missverständnisse zu dieser aufgeräumt werden.

Missverständnis Nr. 1: „Work“ und „Life“ seien Gegensätze

Basierend auf dem Duration of Working-Life Indikator aus dem Jahre 2018, kann sich ein 15-Jähriger in Österreich auf durchschnittlich 37,1 Lebensjahre in der Arbeitswelt einstellen. Bei der von der Statistik Austria erhobenen durchschnittlich tatsächlich geleisteten Arbeitszeit (Link) aller Erwerbstätigen von rund 36,6 Stunden pro Woche, würde eine Rechnung, wie viele unserer Lebensstunden laut dieser irreführenden Behauptung nicht zum „Leben“ zählen sollten, wohl eine größere Sinnkrise auslösen. Fazit: Arbeit ist natürlich Teil des „Lebens“ – und der Begriff der Work-Life Balance an sich von Grund auf schon einmal polarisierend und missverständlich.

Missverständnis Nr. 2: „Work“ und „Life“ können quantitativ aufgewogen werden

Wer versucht, seine Zeitressourcen und -investitionen zwischen „Arbeit“ und „Leben“ quantitativ aufzuwiegen, setzt sich einer sehr großen Herausforderung aus, welche in Wirklichkeit nicht gelingen kann. Stellen wir einmal die im ersten Missverständnis bereits verworfene, dafür aber überhaupt nötige Grundannahme, dass es sich bei „Arbeit“ und „Leben“ um Gegensätze handelt, ebenso zur Seite, wie die Tatsache, dass wir dieses Gleichgewicht natürlich nicht unisono bei 50-50 einordnen, sondern naturgemäß anhand unseren individuellen subjektiven Befinden verorten würden. Wie viele zeitliche Ressourcen und Energie würde es wohl benötigen, um solch quantitative Abwägungen anzustellen? Ressourcen die anderweitig sicherlich sinnvoller eingesetzt werden könnten. Denn nach dem sich weder die Entwicklungen im Arbeits- noch im privaten Leben zu 100% kontrollieren und vorhersagen lassen, würde eine solche Quantifizierung wohl mit langwierigen und frustrierenden Korrekturrechnungen einhergehen.

Missverständnis Nr. 3: Das Anstreben einer gesunden Work-Life Balance sei ein Indiz für Leistungsverweigerung

Die Verbreitung und das Antreffen dieser Idee, erstaunt aus arbeitspsychologischer Sicht immer wieder. Um wirklich erfolgreich zu sein und um das Beste für sich und sein Unternehmen zu erreichen, ist es zwar natürlich und selbstverständlicherweise notwendig, die Bereitschaft mitzubringen immer wieder einmal über die eigenen, persönlichen Leistungsgrenzen hinauszugehen. Doch dies steht nicht im Widerspruch mit dem Wunsch nach einer zufriedenstellenden Work-Life Balance. Ganz im Gegenteil. Denn diese ist sogar eine Vorrausetzung dafür, die es uns ermöglicht auch in stressintensiven Phasen die nötige Belastbarkeit und Resilienz an den Tag zu legen, um dem Druck Stand zu halten. Work-Life Balance hat also mit einem intelligenten Ressourcenhaushaltsmanagement zu tun. Ein guter Marathonläufer wird sich seine Kräfte auch sinnvoll und zielgerichtet einteilen und beispielsweise nicht bereits am Start mit dem Zielsprint beginnen.

Missverständnis Nr. 4:  Work-Life Balance sei mit einem Interessenskonflikt gleichzusetzen

Aus arbeitspsychologischer Sicht ist dieses Missverständnis vielleicht eines der bedeutendsten und weitverbreitetsten. Tatsächlich besteht die Work-Life Balance allerdings aus zwei Komponenten. Zum einen gibt es die in der Wahrnehmung stark fokussierten Work-Life-Conflicts, zum anderen aber auch die meist übersehenen Work-Life Facilitations (vgl. Shockely & Singla, 2011). Während es beim Conflict meist um die negativen Auswirkungen von einem System auf das andere geht (z.B. wirkt sich Stress in der Arbeit negativ auf das Familienleben aus, bzw. resultieren natürlich auch umgekehrt familiäre Probleme oftmals in einer Performanceverschlechterung im Job), geht es im Bereich der Facilitation darum, dass die Rollenanforderungen in einem sozialen System durch die Erfahrungen die man im anderen System sammelt erleichtert werden. So können, um im gleichen Beispiel zu bleiben, z.B. in der Arbeit erreichte Erfolge sich positiv auf das Familienleben auswirken und vice versa. Neben emotionalen Ressourcen können aber natürlich auch erlerntes Wissen, kognitive Fähigkeiten und vieles mehr bedeutsame Facilitation-Faktoren darstellen.

Missverständnis Nr. 5: Mehr Flexibilität mache alles einfacher

Viele Beschäftigte erleben mehr Flexibilität im Arbeitsleben, insbesondere was Arbeitszeiten betrifft, als eine willkommene Entwicklung, die es ihnen ermöglicht, Termine und Aktivitäten außerhalb der Arbeit besser zu koordinieren und wahrzunehmen. So liegt der Schluss nahe, dass mehr Flexibilität zu einer besseren Work-Life Balance führen müsse. Wenngleich dies zwar grundsätzlich nicht ganz falsch ist, bringt mehr Flexibilität aber auch eine große Herausforderung mit sich. Denn mehr Flexibilität bedeutet auch mehr organisatorischen Aufwand, sowie weniger wirkliche Ruhe- und arbeitsfreie Phasen. Dies lässt sich beispielsweise an der im Gegenzug für die Flexibilität oftmals erwarteten erweiterten Erreichbarkeit, auch zu nicht definierten Arbeitszeiten, besonders schön beobachten. Ein am Abend oder am Wochenende klingendes Arbeitshandy lässt hier beispielsweise die subjektive Zufriedenheit mit dem Gleichgewicht der eigenen Work-Life merklich sinken.

Mehr Flexibilität ist jedoch natürlich nicht nur ein Thema der Arbeitszeiten, sondern auch eines des Arbeitsortes. Dies lässt sich zum Beispiel auch gerade ganz aktuell anhand unserer derzeitigen Lebenssituation während der Corona-Lockdown-Zeit beobachten. So zeigt sich im Kontext der erhöhten Home-Office Realitäten anhand eines weitverbreiteten Erlebens bezüglich eines gefühlten „Verschwimmens“ der arbeits- und arbeitsfreien Zeiten, wie herausfordernd Flexibilität, bei allen ihren positiven Seiten, für eine gute Work-Life Balance sein kann.

Missverständnis Nr. 6: Das „Life“ in der Work-Life Balance steht für Freizeit

Im ersten Missverständnis haben wir bereits ausführlich diskutiert, dass „Work“ ein Teil von „Life“ und daher der Begriff Work-Life Balance grundlegend irreführend ist. Die Suche nach besseren Beschreibungskonzepten gestaltet sich allerdings nicht unbedingt einfach. So scheitern beispielsweise die auf einem weiteren Missverständnis begründeten Differenzierungen einer Work-Leisure Balance, daran dass arbeitsfreie Zeit keineswegs reine Freizeit ist. Denn auch in der arbeitsfreien Zeit gibt es ausreichend Verpflichtungen (Kinderbetreuung, Haushaltsmanagement, Arztbesuche, uvm.) denen wir nachkommen müssen, und die sich wohl nur schwer als Erholungszeit kategorisieren lassen.

Missverständnis Nr. 7: Work-Life Balance sei reine Einstellungssache

Wenngleich dies womöglich ein Wunschgedanke eines so manchen Arbeitgebers sein mag, lässt sich dies anhand manifester Work-Life-Konflikte, wie diese beispielsweise im Rahmen der Kinderbetreuung oftmals unumgänglich entstehen, schnell entkräften. Dennoch ist der Gedanke auf der anderen Seite allerdings auch nicht ganz falsch. So liefern psychologische Befunde zur Self-Determination Theory (Deci & Ryan, 2008) im Bereich der Arbeitsmotivation wissenschaftliche Erkenntnisse, dass ein erhöhtes Selbstbestimmungserleben sowie erhöhte intrinsische Motivation hinsichtlich der eigenen Arbeitsaufgabe zu einer besseren Work-Life Balance führen. Dies soll also ganz im Sinne der Floskel „If you do what you love, you never work a day in your life ” heißen, desto höher die Identifikation mit der eigenen Tätigkeit ist und desto besser man darin die psychologischen Grundbedürfnisse nach Kompetenz, Autonomie und Verbundenheit ausleben kann, desto einfacher wird es einem fallen eine individuell zufriedenstellende Work-Life Balance für sich zu schaffen.

Fragen zur Gestaltung Ihrer persönlichen Work-Life Balance? Ein qualifiziertes Coaching kann Ihnen helfen Klarheit in ihre Priorisierungen zu bringen!

Literatur:

Deci, E. L., & Ryan, R. M. (2008b). Self-determination theory: A macrotheory of human motivation, development, and health. Canadian Psychology/Psychologie Canadienne, 49(3), 182–185. doi:10.1037/a0012801

Shockley, K. M., & Singla, N. (2011). Reconsidering Work--Family Interactions and Satisfaction: A Meta-Analysis. Journal of Management, 37(3), 861–886. doi:10.1177/0149206310394864

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